Wir haben vor unserer Reise lange überlegt, ob wir den im Februar 2023 verwüsteten Erdbebengebieten im Südosten der Türkei einen Besuch abstatten wollten. Unser Entschluss war, nur dann dorthin zu fahren, wenn wir sinnvolle Hilfe für die betroffenen Menschen der Region hätten leisten können.
Auf unserer Tour trafen wir Reisende, die dem Gebiet um Mardin und Gaziantep einen Besuch abgestattet hatten. Sie berichteten von zerstörten Infrastrukturen, schleppendem Wiederaufbau und dem Frust der Menschen über ausbleibende Hilfe. Und doch waren die Einheimischen herzlich und selbst in ihrer katastrophalen Lage bemüht, das Wenige mit den Gästen zu teilen. Und sie appellierten dafür, dass wieder mehr Reisende die verwüsteten Landstriche besuchen, damit dringend benötigtes Geld für Händler, Gastwirte und Restaurantbetreiber in die Region kommt.
Für unsere kleine Reisegruppe kam diese Erkenntnis leider etwas zu spät, sonst hätten wir den Kurden im Grenzgebiet zu Syrien und dem Irak einen ausführlicheren Besuch abgestattet. Jedoch ließen wir die „heimliche“ Hauptstadt der Kurden in der Türkei nicht aus.

Kurz vor der Stadt Diyarbakır überqueren wir den Tigris. Schlagartig wird uns bewusst, dass wir nun den Ausläufer des Zweistromlandes erreicht haben, der Gegend zwischen Euphrat und ebenjenem Tigris. Beginnend zwischen Diyarbakır und Gaziantep in der Türkei, zieht sich das historische „Mesopotamien“ – was soviel wie „zwischen den Flüssen“ bedeutet – durch Syrien und den Irak bis an den persischen Golf. Und irgendwie würden wir am Liebsten dem Lauf dieser beiden Flüsse folgen – Stichwort: „Fernweh“ 😉.
Nun aber machen wir Halt in der Stadt, die uns emotional doch sehr beschäftigt. Und weil wir auf viele Themen rund um diese Stadt unausgewogene, widersprüchliche oder auch fast keine Meinungen haben, seien an dieser Stelle nur Faktoren und Eindrücke aufgelistet, auf denen unser Durcheinander im Kopf basiert:
- Bis zur Verschleppung und Ermordung der armenischen Bevölkerung von 1914/15 stellten die Armenier 40% der Bevölkerung der Stadt. Im Zuge des Genozids wurden 150.000 Menschen aus der Stadt deportiert.
- Seit 2008 hat sich die Anzahl der Bewohner mit ca. 1,8 Mio. Menschen mehr als verdoppelt. Hauptsächlich kurdischstämmige Bauern zogen in die Stadt.
- Nach dem Scheitern von Friedensverhandlungen zwischen der türkischen Regierung und der kurdischen PKK erklärten zumeist jugendliche PKK-Anhänger die Innenstadtbezirke Diyarbakırs zu autonomen Zonen und verschanzten sich dort. Das türkische Militär ging mit Panzern, Helikoptern und Artillerie gegen die Aufständischen vor. Im Zeitraum zwischen September 2015 und März 2016 wurden über 800 PKK-Angehörige, Zivilisten und Sicherheitskräfte getötet. Bei den Kampfhandlungen wurden 80% der von der UNESCO als Weltkulturerbe aufgenommenen Altstadt vollständig zerstört.
- 2016 wurden durch eine Autobombe 8 Menschen getötet und über 100 verletzt. Zuvor waren führende Politiker der Oppositionspartei HDP festgenommen worden. Sowohl der Islamische Staat als auch die PKK bekannten sich zu dem Anschlag.
Heute ist die Stadt unbedingt einen Besuch wert. Leider sind Großteile der Altstadt komplett neu – und unserer Meinung nach völlig seelenlos – errichtet. Trotzdem herrscht quirliges Treiben in den Gassen, den Märkten und auf den Plätzen. Wir haben kein spezielles Ziel, lassen uns treiben und genießen das Flair, die Menschen und die regionale Küche.



















Spätestens nach dem Besuch dieser quirligen, kulturell und historisch bedeutsamen Stadt war uns klar, dass wir zurückkehren müssen und den Südosten der Türkei intensiver bereisen werden.
Nun aber zogen wir weiter. Ein berühmtes Königsgrab stand auf dem Programm: Der Nemrut Dağı. Auf diesen Bericht müsst ihr nicht lange warten…
Habt bis dahin eine gute Zeit 😊.